Zum Weiterdenken - Considerations - Para reflexionar
 published: 2008-08-05

Gott - ein eigenwilliger Eventmanager?

Siegessäule in Berlin, Zugspitze und Urheiligtum

Von Pater Elmar Busse

 

Emblematische Orte: Siegessäule, Berlin

Lugares emblematicos: Columna de victoria, Berlin

Emblematic places: Victory Column, Berlin

Emblematische Orte: Siegessäule, Berlin

Foto: Luttmann/pixelio © 2008

 

Zugspitze

Zugspitze

Zugspitze

Zugspitze

Foto: Dahlmanns/pixelio © 2008

 

Urheiligtum

 

Santuario Original

Original Shrine

Urheiligtum

Foto: POS Fischer © 2008

 

 

 

Berlin am 24. Juli 2008 19.20 Uhr: Der designierte US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Barak Obama, kommt hinter der Siegessäule hervor und mit federndem Schritt geht er den langen Weg zum Rednerpult. 200.000 Menschen haben sich eingefunden, um ihn live zu erleben. Stürmischer Beifall brandet auf, "Yes, wie can" – sein Motto im amerikanischen Vorwahlkampf – skandieren Sprechchöre. Obama hatte einen Auftritt direkt am Brandenburger Tor erwogen, gegen den aber Bundeskanzlerin Angela Merkel Bedenken angemeldet hatte. Um Konflikte zu vermeiden, hatte Obama Alternativen suchen lassen. Das Brandenburger Tor "gehört" den Staatsoberhäuptern. Von der Siegessäule aus ist es zwar im Hintergrund zu sehen, aber es ist noch ein weiter Weg bis dorthin. So war der Auftritt vor der Siegessäule ein stimmiger Platz für einen Senator aus einem amerikanischen Bundesstaat, der als Privatmann durch Europa reiste.

Es kann uns aufhorchen lassen, wie in unserem Land die Diskussion um Orte und Veranstaltungen in der letzten Zeit zugenommen hat. Ob das feierliche Gelöbnis der Bundeswehrrekruten vor dem Reichstag stattfinden soll oder nicht, ob ein Film über Stauffenberg an dem historischen Bendlerblock gedreht werden darf oder nicht – solche Fragen bewegen die Öffentlichkeit. Wenn Joachim Löw vor der EM die Namen der ausgewählten Spieler für die Nationalmannschaft nicht einfach als schriftliche Presse-Erklärung bekannt macht, sondern als Ort für die Veröffentlichung die Zugspitze wählt und dann fußballbegeisterte Jungen die Namen der großen auf ihrem Trikot tragen dürfen, dann steckt in der Wahl des Ortes eine Botschaft. "Event-Management" nennt sich diese neue Dienstleistung, die sich inzwischen sogar zu einem seriösen Studienfach gemausert hat. Orte – Ereignisse – Personen – wir Menschen sind keine reinen Geister, die im Reich der Ideen ortlos schweben, sondern unsere Identität als Einzelne, als Gruppe und als Volk hängt auch mit bestimmten Orten zusammen. Natürlich gibt es in unserem Land viele Orte, über die im Reiseführer nach der Ortsnennung die Bemerkung stehen könnte: Aussteigen lohnt nicht. Aber es gibt auch die markanten Plätze, wie den höchsten Berg Deutschlands. Die Botschaft, die in der Wahl des Ortes lag, war eindeutig: Wir wollen ganz hoch hinaus. Wir wollen an die Spitze. Dass es am Ende dann doch nicht ganz gereicht hat, steht auf einem anderen Blatt. Und dass sich die Zugspitze in ihrer Bedeutung zum Golgotha des Extremsports gewandelt hat, als am 13.Juli zwei Läufer an Unterkühlung bzw. Herz-Kreislaufversagen starben, das konnte am 16.Mai um 13.00 in der Panorama-Lounge in 2962m Höhe bei der Präsentation des EM-Kaders auch noch niemand ahnen. Der Ort Zugspitzgipfel ist im Jahr 2008 mit neuen Bedeutungen aufgeladen worden.

Damals rümpften die ideenhaften Menschen die Nase...

Da hat sich in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten etwas gewandelt. Als Pater Kentenich in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts viele katholische Intellektuelle nach Schönstatt zog und diese von seiner Pädagogik und seinen Zeitenstimmen-Analysen überrascht und begeistert waren, da musste er gleichzeitig erleben, dass diese sehr ideenhaften Menschen die Nase rümpften über seinen Glauben, dass sich in diesem kleinen Ortsteil Schönstatt die Gottesmutter in besonderer Weise niedergelassen hatte und besonders zu wirken bereit war. Das konkrete Hier und Jetzt war für die erhabenen Schwebegeister im Reich der Ideen eher Grund zum Spott als Anlass, auf die Knie zu gehen.

Da haben wir heutigen Schönstätter es leichter. Wir brauchen nicht mühsam argumentieren, dass die Allgegenwart Gottes und sein Offenbarwerden an bestimmten Orten kein Gegensatz darstellt. Wir brauchen nicht zu betonen, dass man natürlich in jeder vollbesetzten Straßenbahn beten kann, aber an bestimmten Orten dem Himmel trotzdem näher sein kann. Im heutigen öffentlichen Klima gilt es als evident, dass ein bestimmter Ort nicht nur aus seinen Koordinaten des GP(S)-Systems besteht, sondern mit Bedeutung aufgeladen ist. Und dieser genius loci wird für einen sensiblen und wachen Besucher zum Erlebnis.

Wenn Kompetenz und Kreativität sich mit Leidenschaftlichkeit paart

Aufgrund dieser Beobachtungen stellt sich die Frage, ob nicht Gott selbst auch ein genialer und eigenwilliger Event-Manager ist. Schon die drei Weisen können ein Lied davon singen. Sie suchen den neugeborenen König zunächst in Jerusalem. Doch Fehlanzeige. Dann bekommen sie ein Zitat aus dem Propheten Micha gesagt: Aber du, Betlehem-Efrata, /so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, /der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, / in längst vergangenen Tagen. (Mi 5,1; Mt 2,6) Und sie finden den Messias tatsächlich in Betlehem. Gott als Event-Manager hat eine Vorliebe für das Kleine und Unbedeutende. Warum haben oftmals kleine junge kreative Unternehmen eine solche Freude und Begeisterung, es den großen etablierten Unternehmen zu zeigen? Warum machen sie sich nichts aus der Unterschätzung oder gar Ignoranz der Großen, ja genießen sie förmlich? Als Bill Gates gemeinsam mit Paul Allen, 1975 die Microsoft Corporation gründete, da waren sie die Unbekannten und Unbedeutenden. – Wenn Kompetenz und Kreativität sich mit Leidenschaftlichkeit paart, dann sind diese Menschen dem Schöpfergott sehr nahe. Der begabte und leidenschaftliche Psychologe und Seelsorger Kentenich aus einer unbedeutenden Missionsgesellschaft, ein typischer underdog, wollte und konnte es den Etablierten zeigen. Aber da war mehr im Spiel. Nicht nur menschliche Genialität, wie es ihm später der römische Visitator vorwarf, sondern der göttliche Regisseur hatte sich diese Überraschung und diese Ohrfeige für die katholischen Intellektuellen ausgedacht. Und Gott als weitsichtiger Personalentwickler hatte Kentenich zunächst an seine seelischen und körperlichen Grenzen geführt, damit ihn die späteren Erfolge dankbar und nicht überheblich machen würden. Gott schaftt seine Werke aus dem Nichts. (creatio Dei ex nihilo) Eigene Erfahrungen ließen Kentenich nicht müde werden, diese Warnung zur Demut ernst zu nehmen.

Man muss auch spielen können und den Auftritt nicht verschlafen

Natürlich ist diese Verbindung von Orten und Erlebnissen auch immer ambivalent. Vor dem EM-Spiel Deutschland gegen Österreich am 16. Juni wurde in Österreich der Geist von Cordoba beschworen. In Cordoba hatte 1978 bei der WM Österreich Deutschland mit 3:2 besiegt. Doch 2008 kam es nicht zum Prater-Mythos, sondern Michael Ballak schoss die deutsche Mannschaft zum Sieg. Wenn hin und wieder Schönstätter mit bedeutungsvoller Stimme vom 18.Oktober 1914 sprechen, dann erinnert mich das eher an die Beschwörungen des Geistes von Cordoba vor dem 16. Juni. Das reicht nicht aus. Man muss auch spielen können, man muss Kondition haben, man muss technisch gut sein und als Team auftreten. Eingestanden – ein bisschen Glück gehört auch dazu. Pater Kentenich hatte immer Beides im Blick: Auf der einen Seite wurde er nicht müde, vom besonderen Eingreifen Gottes an diesem unscheinbaren Ort Schönstatt Zeugnis zu geben. Auf der anderen Seite betonte er die Notwendigkeit der erleuchteten Zusammenarbeit mit der erlösenden Gnade, kurz: Selbsterziehung und Beiträge zum Gnadenkapital. Nur durch das leidenschaftliche Streben nach Heiligkeit – und die Gräber hinter dem Urheiligtum sind dafür das sprechende Symbol – wird Schönstatt ein Wallfahrtsort bleiben und noch mehr werden.

Gott als eigenwilliger Eventmanager möchte von dem unscheinbaren Ort Schönstatt aus der Kirche unseres Landes neue Impulse der Hoffnung und des Gestaltwandels der Kirche geben. Aber er ist darauf angewiesen, dass seine Akteure ihren Auftritt nicht verschlafen und entsprechend fit sind für die ihnen zugedachten Aufgaben.

 

PS: 18. Oktober 2008 - Man sieht sich am Urheiligtum!

 


 

Zurück/Back: [Seitenanfang / Top] [letzte Seite / last page] [Homepage]
Impressum © 2008 Schönstatt-Bewegung in Deutschland, PressOffice Schönstatt, all rights reserved, Mail: Editor /Webmaster
Last Update: 05.08.2008