Zum Weiterdenken - Considerations - Para reflexionar
 published: 2008-07-04

Die Welt mit den Augen des anderen sehen

Angela Merkel, der Bild-Oscar und Pater Kentenich

 

Eine neue Art des Dialgos…

Una nueva manera de dialogar...

A new style of dialogue...

Eine neue Art des Dialgos…

Foto: Pixelio © 2008

 

Von P. Elmar Busse

ZUM WEITERDENKEN. Jetzt klingt das Fußballfieber ab. Nun sind die Herzen vielleicht frei für ein bemerkenswertes Ereignis, das in der Fußball-Euphorie ziemlich untergegangen war. Am 25. Juni wurde die Aufzeichnung der Gala zur Verleihung der "Bild"-Oscars gezeigt, während parallel das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Türkei lief. Die BILD-Zeitung verleiht seit 1994 jährlich in Leipzig an Menschen, die sich mit ihrem Wirken und Schaffen um Frieden, Freiheit und die Einheit Deutschlands und Europas verdient machen, diesen Oscar.

Der Preis ist eine Porzellanfigur aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur KPM Berlin. Bis einschließlich 2008 wurden 84 Preisträger gekürt. In diesem Jahr wurde dem 89 jährigen Altbundeskanzler Helmut Schmidt der Ehren-Oscar verliehen. Angela Merkel hielt die Laudatio:

Sie sagte: "Ich habe mir sagen lassen, viele finden es bemerkenswert, dass eine amtierende Bundeskanzlerin eine Laudatio auf einen ihrer Amtsvorgänger hält, noch dazu wo er nicht ihrer Partei angehört. Das habe es noch nie gegeben. Ehrlich gesagt finde ich es schon wieder bemerkenswert, dass man das bemerkenswert findet, aber es war mir bei meiner Zusage auch noch nicht einmal bewusst. Und ich füge hinzu: Hätte ich es gewusst, dann hätte es trotzdem nichts geändert. Ich hätte ganz genauso wieder entschieden.

Also – ich habe keine Sekunde gezögert, die Laudatio auf Helmut Schmidt zu halten. Denn es ist mir ganz einfach eine Freude und Ehre, heute eine der prägenden Persönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland auszuzeichnen. Über wenige Politiker in Deutschland gibt es so klare Einordnungen und Bewertungen wie über Helmut Schmidt. Für die einen ist er der unbeirrbare und entscheidungsfreudige Politiker, der sich in herausragender Weise um Frieden, Freiheit, die Einheit Deutschlands und die europäische Einigung verdient gemacht hat – als Innensenator, als Verteidigungs- und Finanzminister, als Bundestagsabgeordneter, Fraktionsvorsitzender, als Bundeskanzler.

Für die anderen ist Helmut Schmidt der Publizist, der seit inzwischen 25 Jahren das öffentliche Leben mit Zwischenrufen mitgestaltet – als Buchautor, Herausgeber, Interviewpartner…. Die einen loben seinen nüchternen Pragmatismus. Die anderen schwärmen von seinem wertegebundenen Engagement. ….. Meine Damen und Herren, meine erste ganz persönliche Erinnerung an Helmut Schmidt geht weit zurück, in das Jahr 1962. Ich war damals siebeneinhalb Jahre alt. Weniger Monate vorher – am 13. August 1961 – war die Mauer gebaut worden. Das war eines der schlimmsten und einschneidendsten Ereignisse für meine Familie. Der Mauerbau traf uns unmittelbar. Bis dahin war ich regelmäßig und für Wochen zu meinen Verwandten nach Hamburg gefahren, zu meiner Großmutter, meiner Tante, meinen Cousinen. Mit einem Schlag war das im Sommer 1961 vorbei.

Februar 1962

Und besonders schlimm wurde diese Trennung für uns dann im Februar 1962: In Hamburg tobte die Sturmflut. Ich werde nie vergessen, wie wir – ohnmächtig, aus der DDR irgendetwas tun zu können – in Angst und Schrecken um meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, und die anderen Verwandten waren. Wir hingen am Radio, wir nahmen jede Nachricht auf, wir verfolgten die Rettungsmaßnahmen, Straßenzug um Straßenzug. In diesen Stunden hat sich der damalige Hamburger Innensenator (Polizeisenator damals) Helmut Schmidt meiner Familie und mir unvergesslich in unser Gedächtnis eingebrannt. Weil er nicht bürokratisch danach fragte, ob der Einsatz von Soldaten der Bundeswehr und alliierter Streitkräfte zur Bekämpfung dieser Katastrophe eindeutig verfassungsgemäß war oder nicht. Weil er beherzt handelte.

Und weil er so durch seine Präsenz es ganz einfach schaffte, in der Stunde der Not, meiner Familie ein ganz wichtiges Gefühl zu vermitteln: Und zwar Vertrauen. Was, meine Damen und Herren, kann man mehr über einen Politiker sagen?"

Was mir an dieser Laudatio gefällt, ist die Fähigkeit von Frau Merkel, über Parteigrenzen hinweg einen großen Menschen wirklich groß zu sehen und groß zu zeichnen. – Im politischen Alltagsgeschäft erleben wir ja, dass die Opposition kein gutes Haar lassen kann an den Beschlüssen und Gesetzen der Regierung. "Die müssen ja so reden. Die sind doch in der Opposition!", hörte ich neulich jemanden sagen. Müssen sie wirklich? Wird nicht dadurch ein Lagerdenken mit all den negativen Begleitumständen gefördert bis hin zu richtigen Feindbildern und Projektionen eigener Ängste auf bestimmte Böse, die dann an allem schuld sind? – Frau Merkel zeigt, dass es auch anders gehen kann. Man kann dem politischen Gegner Respekt, ja sogar Sympathie entgegen bringen.

Spaziergang im KZ Dachau

Mithäftlinge von Pater Kentenich im KZ Dachau bezeugten, dass Kentenich ein geschätzter Gesprächspartner auch für Kommunisten und Sozialdemokraten war. Joseph Joos schrieb: "Ich hatte in der Registratur des Reviers einen Kollegen, der zur äußersten Linken der Sozialdemokraten gehört hatte. Lüder wurde er genannt. Er stand mir mit starkem Misstrauen gegenüber und so redete er auch von den Pfaffen. Und sonderbar! Jeden Abend, wo er sich frei machen konnte, wanderte er ausgerechnet mit Pater Kentenich die Lagerstraße entlang. Lüder hat mir nie etwas darüber erzählt; ich habe ihn auch nicht gefragt. Pater Kentenich selber schwieg wie das Grab."

Paulus schreibt in seinem Epheserbrief: "Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt." (Eph 4,29)

Paulus nennt zwei Qualitätsmerkmale eines guten Wortes: Es stärkt. Es bringt Nutzen. Solche aufbauende Kommunikation kann nur der kultivieren, der in seinem Herzen sich um Ehrfurcht vor der Menschenwürde eines jeden Menschen bemüht. Aus dieser Ehrfurcht fließt dann auch eine größere Objektivität, die es nicht nötig hat, einen anderen klein zu machen, um selber größer da zu stehen.

Für Pater Kentenich gehört die Ehrfurcht zur Liebe dazu. Er nennt sie die "rücklaufende Linie". Sie schützt das Personsein des anderen, denn bei aller Liebe und bei aller Sehnsucht nach dem Einssein mit dem Geliebten, darf Liebe nicht zum symbiotischen Verschmelzen mit dem Geliebten führen. Der Andere darf er selber bleiben. Er darf so sein, wie er ist.

Eine weitere Fähigkeit gehört zu einem reifen Menschen: Sich in den anderen hineinversetzen zu können, oder zumindest die Bereitschaft aufzubringen, die Welt einmal mit den Augen des anderen zu sehen. Pater Kentenich sprach in seiner Pädagogik von lebendiger Fühlungnahme sowie von emporbildendem Verstehen des Gegenübers, und er lebte das, wovon er sprach.

Die Laudatio von Angela Merkel hat mir gezeigt, dass es durchaus auch in der Politik echt menschlich zugehen kann, wenn der Mensch sich selber erlaubt, Mensch zu sein und menschliche Größe auch in den anderen sehen und würdigen kann.

Die Rede von Frau Merkel hat mir auch neu die Augen geöffnet für ein zentrales Anliegen von Pater Kentenich. Menschliche Beziehungen können dann gelingen, wenn trotz unterschiedlicher Meinungen und Standpunkte die Ehrfurcht und das Bemühen um Objektivität zum vorherrschenden Klima-Faktor werden. Ich fasse mich an die eigene Nase und suche mir ein neues aktuelles Partikularexamen.

 



 

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Last Update: 04.07.2008