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 published: 2007-12-07

Akademie für Ehe und Familie

Predigt Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Freiburg, anlässlich der Überreichung der Zertifikate an die neuen Familientrainer

 

Blick ins Publikum  Kinder in der ersten Reihe!

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Freiburg

 

 

 
Oberkirch, 2. Dezember 2007

Jes 2,1-5; Röm 13,11-12 ; Mt 24,37-44

 

Meine lieben Familien, Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens,

Familie als ‚Lebensort des Glaubens’, ja als ‚Quellgrund des Lebens’, so hat es unser Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI., vor gut einem Jahr in München bei der Vesper mit Kommunionkindern, Erzieherinnen und Erziehern formuliert. In Anlehnung an das II. Vatikanische Konzil spricht er dann in der Einladung zum Welttreffen der Familien zurecht von der Familie als Lebens- und Glaubensschule, ja als ‚Hauskirche’.

Dies ist die eine Erfahrung von Familie, vielleicht eine Erfahrung, die Sie, liebe Familien, die Sie heute das Zertifikat zum Abschluss des Kurses der Akademie für Ehe und Familie erhalten, selbst kennen und schätzen gelernt haben. Familie als ein Ort, an dem wir miteinander alles teilen, was wir besitzen, das Leben und den Glauben, Hoffnungen und Sorgen, Freuden und Ängste. Familie als ein Ort, der stark macht und zu einem Leben in Fülle führt.

Doch wir kennen auch die anderen Nachrichten. Dass zahlreiche Familien auseinandergehen, aufgrund von Scheidungen getrennt werden, dass viele Kinder nie bei ihrem Vater aufwachsen, ihn oftmals gar nicht kennen lernen, dass in die Familie häufig wenig Zeit investiert wird.

Sehen wir in diesen beiden Brennpunkten Ideal und Wirklichkeit, die einander gegenüberstehen und nur wenig miteinander zu tun haben? Sollte die Kirche also von ihren möglicherweise zu hohen Ansprüchen abrücken und mehr Realitätssinn walten lassen, wie es manche anraten? Oder den Finger in die Wunden legen und der Gesellschaft aufzeigen, wo sie versagt?

"Bedenkt die gegenwärtige Zeit" (Röm 13,11), ruft uns der Apostel Paulus in der Lesung zu, die wir soeben gehört haben. Ja, wir können das nicht übersehen und daran vorbeigehen, was in unserer gegenwärtigen Zeit an Fragen und Problemen auftaucht. Deshalb haben wir uns zu fragen: Was verlangt unsere Zeit, um dem Anliegen der Familien gerecht zu werden, um dafür zu sorgen, dass in Familien ein gutes Miteinander gelingen kann?

Eines kann dabei recht schnell festgestellt werden: Entgegen aller anderslautenden Behauptungen ist die vollständige Familie von Vater, Mutter und Kindern entscheidend für ein gutes Aufwachsen von Kindern. Über ein Drittel der Kinder, die bei Alleinerziehenden aufwachsen, gaben bei der World Vision-Kinderstudie an, dass ihre Eltern für sie zu wenig Zeit haben. Damit war dieser Wert fast dreimal so hoch wie im Durchschnitt der Studie. Nun ist es sicherlich falsch, den Stab über die zu brechen, die für ihre Kinder als Alleinerziehende sorgen; sie brauchen vielmehr unsere Unterstützung. Trotzdem ist aber richtig, was Norbert Wilbertz, Vorstandsmitglied der Katholischen Bundeskonferenz für Ehe-, Familien- und Lebensberatung, formuliert hat: "Regelmäßig werden die Scheidungszahlen veröffentlicht und es wird überlegt, wie man die Lebensbedingungen von Alleinerziehenden verbessert oder die Folgen von Scheidungen juristisch auffängt. Das ist gut und richtig so. Doch bleibt man beim Symptom. Niemand fragt, was die Gesellschaft zur Verbesserung und Stabilisierung der Paarbeziehungen beitragen könnte; niemand interessiert der Preis, den die Betroffenen, ihre Kinder und die Gesellschaft für das Scheitern der Paarbeziehung zahlt. Es fällt doch auf, dass es in einem Land, in dem fast alles statistisch erfasst wird, keine offizielle Erhebung der Scheidungsfolgekosten gibt." (KNA Interview 9.11.2007)

Es ist also nicht nur sinnvoll, sondern zutiefst angebracht und notwendig, von kirchlicher Seite das Bild der Familie als Nährboden für ein gelingendes Leben auch und gerade heute zu verkünden. Dies darf allerdings nicht nur in schönen Sonntagsreden geschehen; es wird nur dort auch den benötigten Resonanzkörper finden, wo durch das praktische Leben und das erfahrene Beispiel die Familie als Keimzelle des Lebens augenscheinlich wird.

Ich bin froh und dankbar, dass Sie, liebe Familien, hier gerade ansetzen. Nicht, indem Sie irgendwelche Statistiken führen, kluge Reden halten oder auf den Staat warten, sondern indem Sie als Christen Verantwortung übernehmen! "Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf." (Röm 13,11) Sie stehen auf, um den Wert, den Sie in der Familie erkannt haben, anderen weiterzugeben; um nicht nur die negativen Schlagzeilen darzustellen, sondern um Positives hervorzuheben; um zu zeigen: Leben in der Familie ist erfüllend, kann gelingen. Gerade dann, wenn wir es im Bewusstsein leben, dass Gott unseren Weg begleitet, dass er ihren Weg als Familie gemeinsam mitgeht! Etwas martialisch haben wir in der Lesung von den ‚Waffen des Lichts’ (Röm 13,12) gehört, die es anzulegen gilt. Und dieses kriegerische Bild ist vielleicht erst einmal etwas abschreckend. Aber doch ist in ihm viel an Wahrheit enthalten. Ja, wer als Christ lebt und Verantwortung übernimmt, lamentiert nicht über die Finsternis, beschwert sich nicht über alles, was an Schlechtem in der Welt vorhanden ist. Vielmehr zeichnet es uns als Christen aus, dass wir uns für das Gute einsetzen, dass wir das Licht zu den Menschen bringen und durch das Beispiel des gelebten Glaubens andere anstecken und einladen.

Wenn jetzt in der Kirche in der Zeit des Advent das Warten auf die Ankunft Jesu Christi uns lebendig vor Augen geführt wird, dann ist dies in der Form des Adventskranzes ein deutliches Zeichen, dass es gerade darauf ankommt, Licht in die Welt zu bringen, nach dem sich alle so sehr sehnen. Gerade als Christen haben wir für die Familie vieles von diesem Licht zu geben. Denn viele Menschen, die sich nach einem gelingenden Familienleben sehnen, die sich eine feste, dauerhafte Beziehung wünschen, sind deshalb nicht in der Lage, diese auch einzugehen, weil sie Angst davor haben, sich zu binden. Sie fürchten, durch eine dauerhafte Bindung etwas zu verlieren. Sie sind unsicher, ob sie dazu fähig sind, eine solch tiefe Beziehung einzugehen. Bis sie den Mut aufbringen, ist dann oft bereits eine so lange Zeitspanne vergangen, dass an gemeinsame Kinder nicht mehr zu denken ist. Die stille Enttäuschung bleibt.

Wie sehr kann dagegen für uns Christen der Bund, den Gott mit uns geschlossen hat, als Zeichen dafür stehen, dass wir diese Angst, selbst zu versagen, überwinden dürfen. Gott schenkt uns in unverbrüchlicher Treue seine Liebe. Wenn wir als Einzelne, aber auch als Paare und in der Familie mit den Kindern gemeinsam diese Stärkung, dieses Geschenk erfahren dürfen, dann wird uns dies befähigen, selbst den Schritt zu wagen, uns an Personen zu binden und darin Erfüllung und Freude zu finden. Das positive Beispiel ist es, das Kräfte freisetzt und andere motivieren kann. Wir wissen das von uns selbst, wenn wir uns an Menschen orientieren, die durch ihr gelebtes Zeugnis in uns neue Energien freisetzen, die uns den Mut geben, neu aufzubrechen. Denn Leben entzündet sich am Leben. Denn nicht zuletzt durch das Fordern zahlreicher, auch sinnvoller Gebote kann eine Veränderung im Denken einsetzen, sondern vor allem durch das gelingende, froh machende Beispiel. Das ist die Waffe des Lichtes, die uns gegeben ist, und von der wir durchaus Gebrauch machen dürfen. Denn es ist eine Waffe, die keine Verwundungen herbeiführt. Es ist eine Waffe, die das Leben hervorbringt und entstehen lässt, und damit ist sie vor allem das Licht, das unsere Welt so sehr braucht.

Wenn Ihnen, liebe Familien, mit diesem Gottesdienst das Zertifikat überreicht wird, dass Sie sich mit Gottes Hilfe in Kirche und Gesellschaft für Ehe und Familie einsetzen wollen, dann dürfen Sie sich deshalb zu aller erst an dem Licht orientieren, das in die Welt kam: An Jesus Christus. Von seinem Licht durchdrungen, von seinem Blick angeschaut, dürfen Sie Ihren Weg gehen. Sie dürfen dabei stets gewiss sein, dass er Sie nicht allein lässt in ihren Aufgaben. Er begleitet Sie, gibt Ihnen Kraft und Mut. Sicher ist dies, das soeben gehörte Evangelium führt uns dies drastisch vor Augen, auch ein fordernder Blick, der uns herausfordert, wach zu sein, auf das zu achten, was zum Leben führt. Es ist vor allem aber ein aufrichtender Blick, der hilft, das Wagnis des Bundes einzugehen, weil Gott selbst den Bund mit uns Menschen geschlossen, und in Jesus Christus erneuert hat. Gerade deshalb ist das gemeinsame Gebet in den Familien von solch großer Bedeutung. Denn, so Papst Benedikt in München: "Das Beten führt uns nicht nur zu Gott, sondern auch zueinander. Es ist eine Kraft des Friedens und der Freude. Das Leben in der Familie wird festlicher und größer, wenn Gott dabei ist und seine Nähe im Gebet erlebt wird." (Vesper im Frauendom, 10.09.2006)

Darin wird deutlich: Die christliche Familie, die Familie als Lebens- und Glaubensschule, als Hauskirche, ist keine abgehobene Vision, die sich mit der Realität nicht verbinden lässt. Im Gegenteil: Gerade dort, wo Familie im Bund mit Gott gelebt und erfahren wird, werden Hoffnungen und Wünsche nach erfülltem Leben, in dem wir füreinander Zeit haben, und damit die Hoffnungen, die auch in unserer Gesellschaft vorhanden sind, besser lebbar. Geben Sie so Zeugnis allen, die diese Sehnsucht in sich tragen! Haben Sie keine Angst davor, selbst zum Licht zu werden, für andere eine Ausstrahlung zu haben! Gott selbst wird Sie erfüllen und erleuchten, wo immer Sie ihn darum bitten. Denn Gottes Sohn ist in einer Familie Mensch geworden. Er kennt den Wert der Familie. So dürfen Sie mit den Eltern unseres Herrn, mit der Gottesmutter und dem hl. Josef verbunden und mit ihnen als Beispiel, Ihren Weg gehen. Haben Sie Vertrauen und bringen Sie ihre Gaben ein! Amen.

Dr. Robert Zollitsch

Erzbischof von Freiburg

 

 

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Last Update: 07.12.2007