Schönstatt - Begegnungen

Und dich führen, wohin du nicht willst (Jo21,18)

Auf dem Weg nach Milwaukee, 50 Jahre nach der Ankunft in Milwaukee, Geistiger Ertrag der Exilszeit, Vortrag von Monsignore Dr. Peter Wolf am 14. September 2002

DOKUMENTATION
Palabras de Monseñor P. Wolf en la víspera del aniversario de la muerte del Padre Fundador, Iglesia de la Adoración, Schoenstatt
Talk of Monsignor Peter Wolf at the eve of the anniversary of the death of Fr. Kentenich, Adoration Church
Vortrag von Monsignore Dr. Peter Wolf am Vorabend des Todes von Pater Kentenich, Anbetungskirche
Foto: Fischer © 2002
Alianza con el Padre: Jubileo de Oro del Santuario del Padre en Argentina, 20 de enero de 2002
Covenant with the Father: Golden Jubilee of the Shrine of the Father in Argentina, 20 of January, 2002
Bündnis mit Pater Kentenich: Goldenes Jubiläum des Vaterheiligtums in Argentinien, 20.Januar 2002
Foto: Badano © 2002
Jubileo de Oro del arribo del Padre a Milwaukee, USA, 21 de junio de 2002
Golden Jubilee of the Arrival of Father Kentenich in Milwaukee, USA, June 21, 2002
Goldenes Jubiläum der Ankunft Pater Kentenichs in Milwaukee, USA, 21. Juni 2002
Foto: Krzmarzick © 2002

Liebe Schönstattfamilie!

Am Vorabend des Sterbetages unseres Vaters und Gründers sind wir als seine Familie in unserer Anbetungskirche versammelt, wo er vor 34 Jahren heimgerufen wurde und doch auf eine neue Weise bei uns blieb. Hier wissen wir uns ihm besonders verbunden. Wie in den vergangenen Jahren möchten wir vom Team für die Seligsprechung Sie einladen, auf unseren Vater und Gründer zu schauen und einen Aspekt seines so reichen Lebens in den Blick zu nehmen. Auf der Suche nach dem, was in diesem Jahr unsere besondere Aufmerksamkeit verdient hätte, ließen wir uns ansprechen von Nachrichten aus unserer internationalen Schönstattfamilie in Argentinien und in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Trotz großer wirtschaftlicher Probleme im Land hat die argentinische Schönstattfamilie im Januar dieses Jahres ein großartiges Fest gefeiert. Anlass waren der Besuch unseres Vater in Argentinien vor 50 Jahren und die Einweihung des Vaterheiligtums in Florencio Varela am 20. Januar 1952 auf dem Weg ins Exil. Am 21. Juni dieses Jahres feierte die Schönstattfamilie der USA die Ankunft unseres Vaters in Milwaukee vor nun 50 Jahren. Wir wollen uns von unserer Familie jenseits des Atlantik einladen lassen, den Weg des Vaters ins Exil mitzugehen und ihn in uns aufzunehmen in dieser Phase seines Gründerlebens. Die zwei goldenen Jubiläen werfen Licht auf zwei wichtige Momente im Leben unseres Vaters. Inmitten einer schweren und dunklen Zeit bringen sie etwas zum Leuchten, was für die Zukunft seiner Familie kostbar geworden ist.

Aufbruch zu neuen Ufern

Am 20. Mai 1945 kehrte Pater Kentenich wie ein Sieger aus der Gefangenschaft des KZ heim. Der Nationalsozialismus und das Konzentrationslager von Dachau hatten ihn und sein Werk nicht zugrunde gerichtet. Sein unbändiges Vertrauen auf die Gottesmutter und sein wagemutiger praktischer Vorsehungsglaube hatten sich bewährt und ihn überleben lassen. Ungebrochen und voller Pläne für die Zukunft steht er vor seiner Familie. Er fängt nicht an, Heldenstories zu erzählen über die Zeit im KZ. Er beginnt, seine Familie nach oben zu führen in die Höhenlage des Strebens und des Liebesbündnisses in all seinen Dimensionen. Da steht einer, der hineingewachsen ist in die großen Dimensionen des Liebesbündnisses bis hin zum Dreifaltigen Gott, wie wir es in den letzten Jahren auf Einladung des Heiligen Vaters und mit ausgewählten Texten unseres Gründers miteinander nachvollzogen haben. Schönstatt hat in Augen Pater Kentenichs die Feuerprobe bestanden und soll nun hinein in die Internationale, hinein in die Wissenschaft und hinein in die Kirche. Das ist die dreifache Zielangabe seiner Strategie für die Zeit nach dem KZ.

In großer Sendungsergriffenheit und mit unbändigem Elan verfolgt er diese vorsehungsgläubig erkannte Strategie. Noch im Jahr 1945 beginnt er seine Reisen ins Ausland, zunächst in die Schweiz und nach Rom. Anfang 1947 bricht er auf nach Übersee zu seinen großen Weltreisen, die ihn zu vielen wichtigen Niederlassungen der Pallottiner führen, wo durch die Marienschwestern Schönstatt bekannt geworden war und erste Anfänge der Bewegung sich bilden konnten. Als Schritt hinein in die Wissenschaft wertete er die Gründung der Hochschule in Schönstatt, was unserem Vater ein großes Anliegen gewesen war. Sie kam bereits im Oktober 1945 zustande. In den Jahren danach folgten eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen durch Professoren der Hochschule, die durchaus dieses hochgesteckte Ziel vor Augen hatten.

Das Ziel: "Schönstatt hinein in die Kirche" verfolgte unser Vater mit der Veröffentlichung von Himmelwärts. Das war durchaus provokativ gedacht war und sollte zur Auseinandersetzung mit dem führen, was in Schönstatt gewachsen war. Hinein in die Kirche wollte unser Vater mit seinen Bemühungen um die kirchenrechtliche Anerkennung seiner Verbände als Säkularinstitute. Ein zentrales Datum ist für ihn die Veröffentlichung der Konstitution Provida Mater durch Papst Pius XII. im Frühjahr 1947. Sie macht den Weg frei für die Säkularinstitute in der Struktur der Kirche.

Den Weg hinein in die Kirche und in die Wissenschaft erhoffte er sich auch von dem intensiven Briefwechsel mit Weihbischof Stein in Trier und vielen anderen Persönlichkeiten. Im gleichen Zeitraum aber wuchsen auch Vorbehalte gegen eine zu eigengeprägte Spiritualität der Schönstatt-Bewegung. Immer deutlicher regten sich Gegenkräfte gegen eine die Diözesangrenzen übergreifende kirchliche Bewegung, wie sie Schönstatt als erste der neuen kirchlichen Bewegungen in Deutschland darstellte. So kommt es zur bischöflichen Visitation. Der Visitationsbericht aus Trier enthält keine dogmatischen Beanstandungen, sondern bringt lediglich Einwände und Befürchtungen erzieherisch-praktischer Art vor. Unser Vater hätte sich zufrieden geben können mit der grundsätzlichen Zustimmung zu seiner Theologie und seiner Lehre. Doch er reagierte ganz anders. Er begann zu kämpfen. Er sah, dass gerade das nicht verstanden und akzeptiert war, worin er die Eigenart und Fruchtbarkeit seiner Gründung erkannt hatte. In den Einwänden und Vorbehalten sah er ein anderes Denken am Werk, das er als mechanistisch und auf Dauer zerstörerisch ansah und bloßstellte. So begann er eine höchst grundsätzliche Auseinandersetzung, in die auch das Heilige Offizium eingeschaltet wurde. An deren Ende stand seine Ausweisung aus Schönstatt und schließlich der Weg nach Milwaukee stand.

Und führen wohin du nicht willst

Bei einer Unterredung mit dem Apostolischen Visitator P. Sebastian Tromp SJ Ende September 1951 in Limburg wurde dem Vater verboten, sich weiterhin in Schönstatt aufzuhalten. Nur noch für bereits angekündigte Tagungen wie die Pädagogische Tagung 51 und die Oktoberwoche dieses Jahres durfte er in Schönstatt sein. Sonst hielt sich der Vater in Montabaur, Bad Ems und Ochtendung auf. Die liebgewordene Heimat war ihm versagt. Ende Oktober reiste er weiter in die Schweiz und schließlich nach Rom. In einem weiteren Dekret vom 1. Dez 1951 wurde kirchlicherseits verfügt, dass er Europa zu verlassen hat. Im Januar wies das Heilige Offizium ihm die Niederlassung der Pallottiner in Milwaukee als Wohnsitz an. Dort kam unser Vater am 21. Juni 1952 an.

Er persönlich hatte nach dem Krieg andere Aufgaben und Ziele vor sich gesehen. Er war aufgebrochen in alle Welt, um Schönstatt in die Internationale zu tragen. In der Schweiz hatte er die MTA zur Weltenkönigin gekrönt. Er war mit seiner Gründung auf dem Vormarsch. Und dann diese Dekrete, die wie Stoppschilder seinen Weg blockierten.

"Ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nichts willst", so lesen wir im Johannesevangelium Jesu Wort für seinen Petrus. Die Wege des großen Menschenfischers sollten nicht die Wege sein, die er von sich aus wollte und anzielte. Ein anderer wird ihn gürten und die Führung übernehmen. So lesen wir am Ende des Johannesevangeliums im Blick auf Petrus und seine Zukunft. Solches erlebt auch unser Vater und Gründer: ein anderer wird ihn führen. Wird er sich einlassen können auf Gottes Führung, auf Gottes unbegreifliche Wege?

Josef Kentenich hat den Wagnischarakter des Glaubens nie kleingeredet. Er hat das Hell-Dunkel des Vorsehungsglaubens nie verharmlost. Er hat sich auch keinen Illusionen hingegeben über das Prophetenschicksal, wie seine Worte von Bellavista am 31. Mai 1949 bezeugen: "Wer eine Sendung hat, muss sie erfüllen, auch wenn es in den dunkelsten und tiefsten Abgrund geht, auch wenn Todessprung auf Todessprung verlangt wird! Prophetensendung schließt immer Prophetenlos in sich" (Texte zum 31. Mai 1949 S.10). Der so formuliert, hat vor Augen, was sein Antwortschreiben in Trier auslösen wird.

Er hatte sich darauf eingestellt

Unser Vater hatte sich offensichtlich bereits in Dachau auf diese Dimensionen für die Zukunft seines Lebens eingestellt: Unter den Gebeten in Himmelwärts finden wir eines, das ganz viele Situationen aufzählt und immer neu mit dem Kehrvers antwortet: "Sieh, Vater, gnädig auf der Unseren Schar, zeig dich um ihretwillen wunderbar". Darin finden sich zunächst Situationen, die durchaus auf seine Lage in Dachau passen wie etwa folgende:

"Wenn die Verfolgung klebt an meinen Spuren,
und sich in Wüsten wandeln alle Fluren".
Oder:
"Und wenn mein Leben hängt an einem Faden,
weil Feinde lauern mir auf allen Pfaden".
Dann aber geht es weiter im Sinne einer Steigerung:
"Wenn man mein Lebenswerk mit allen Tücken
aus blindem Hass zerstören will, zerstücken".
Und:
"Wenn man mich anklagt aller Häresien
und alle meine Stützen von mir fliehen".
Und weiter:
"Wenn man von meiner Seite mir will reißen
die Seelen, die ich durfte unterweisen".

Was unser Vater hier als mögliche Situationen benennt und worauf er sich innerlich im Sinne der Inscriptio einstellt, ist jetzt schmerzliche Wirklichkeit geworden. Die Gefahr, dass sein Lebenswerk dabei zugrunde gerichtet oder auf jeden Fall sehr beschädigt wird, ist greifbar nahe. Die Fama geht um, dass mit Schönstatt doch etwas nicht stimme. Man rückt ihn und sein Werk in die Nähe von Häresie und Sektierertum. Und wie muss es ihn schmerzen, dass man die von seiner Seite reißen will, die an ihm als Seelsorger und Gründer hingen? Schritt für Schritt wird sein Kontakt zu den Seinen eingeschränkt, erschwert und untersagt.

Mitten in der Aufbruchsstimmung nach der nationalsozialistischen Verfolgungszeit sieht sich unser Vater konfrontiert mit massiven Vorhaltungen und Verboten. Sie kommen diesmal nicht von einer kirchenfeindlichen Staatsgewalt, sondern von Seiten der Kirche selber. Häftling in Dachau zu sein, war in gewissem Sinn eine Ehre. Es brachte Anerkennung und galt als Ehrensache, als Mann des Widerstandes gegen ein Unrechtssystem zu stehen und stellte in die Nähe der Märtyrer. Aber wer von der Kirche weggeschickt wurde, vom Heiligen Offizium Dekrete erhielt, stand in die Nähe der Häretiker. Dies rührte an die Ehre. Die Umstände setzten unseren Vater verschiedensten und auch sehr ungerechten Verdächtigungen aus. Dachau mag gefährlicher gewesen sein für Leib und Leben. Das hatte er überstanden. Doch Milwaukee war schmerzlicher, war bitterer. Es bedeutete Verkennung, Verdächtigung und Abgeschriebensein. Dennoch auf diese Dimensionen hatte er sich eingestellt. So ist er vorbereitet und kann sich auf diese Führung einlassen.

Er lässt sich führen, wohin er nicht will

Anders als gedacht enden seine Weltreisen fernab in Milwaukee, in einer eher unbedeutenden Niederlassung seiner pallottinischen Mitbrüder. Er muss sich vorkommen, wie ins Abseits geschoben, fern der Heimat, im Exil. Anfangs lebt in ihm die Hoffnung, dass sich alles doch bald klären würde und er bald zurückkehren könnte. Doch es vergehen Monat um Monat und Jahr um Jahr. Die drohende Andeutung, "nur noch im Sarg" werde er nach Europa zurückkehren, wird Jahr um Jahr wahrscheinlicher. Im Nachhinein wissen wir, dass daraus 14 lange Jahre wurden, die er und seine geistliche Familie deuten und verstehen lernten als 14 Stationen des Kreuzweges.

Eine so lange Wegstrecke durchzustehen, ist eine ungeheure Herausforderung an den Vorsehungsglauben unseres Vaters. Hatte er sich getäuscht in der Deutung von Gottes Plänen? Hatte er seine Sendung missverstanden, Schönstatt in die Kirche, in die Wissenschaft und in die Welt hineintragen zu dürfen und zu sollen? Hatte er sich getäuscht bei der "Spurensuche" nach Gottes Willen für die Zukunft? "Spurensuche" ist kein harmloses Programm, das der Pastoralkongress 2002 in der Pfingstwoche als Beitrag Schönstatts für die Pastoral von morgen vorgestellt und Kardinal Lehmann übergeben hat. Spurensuche kann fordern. Das tagtägliche Suchen nach der Spur Gottes muss manches Dunkel aushalten. So leicht sind Gottes Pläne und Gedanken nicht zu entschlüsseln.

Unser Vater lebt uns vor, auch Dunkel auszuhalten und durchzutragen. In aller Unbegreiflichkeit gibt er den Gedanken nicht auf, dass Gott das Steuer in der Hand hat. Er hält sich fest an der Treue der Gottesmutter zum Liebesbündnis. Das gibt ihm Halt und schenkt Geborgenheit. Viele Menschen, die ihm in diesen schweren Jahren begegnet sind, haben beeindruckt von der großen Ruhe gesprochen, die er ausstrahlte. Dafür gibt es viele Zeugnisse aus der Zeit in Milwaukee. Sie werden nicht die unwichtigsten sein beim Prozess um seine Seligsprechung.

Er lässt sich zeigen, was jetzt zu tun ist

Unser Vater beginnt in all dem nicht zu schmollen oder sich unverstanden und beleidigt zurückzuziehen. Er beginnt auch nicht aus dem Hintergrund gegen Rom und die da oben zu agieren. Milwaukee wird eine Zeit der Vergewisserung über das, was in all den Jahren des aufreibenden apostolischen Einsatzes geworden und gewachsen ist. Es wird eine Zeit, in der unser Vater unendlich viel zu Papier bringt. Manches, was er in diesen Jahren als Brief schreibt oder diktiert, meint weit mehr als nur den Adressaten von damals. Vieles ist für die Zukunft und das Forum der Geschichte geschrieben. Anderes ist als Studie verfasst, die in der Zukunft helfen soll zum Verständnis Schönstatts und zur Schulung der von ihm gegründeten Gemeinschaften. Vieles in Kirche und Welt, nicht zuletzt das große Vatikanische Konzil, hat er in diesen Jahren aufmerksam verfolgt und aus dem Geist Schönstatts und im Horizont seiner prophetischen Sendung kommentiert. Von über 10 000 Seiten ist die Rede, die in dieser Zeit entstanden sind. Das reiche Erbe dieser Jahre ist bei weitem nicht gehoben und für die Familie zugänglich geworden.

Im Frühjahr 1959 bat der verantwortliche Seelsorger für die deutschen Katholiken im Großraum Milwaukees Pater Kentenich um Fastenpredigten für seine Leute. Dies war für unseren Vater der Anlass und die "geöffnete Tür" im Sinne des Vorsehungsglaubens, mit der deutschen Gemeinde von Milwaukee in Kontakt zu treten. Als bald danach der Kaplan versetzt wurde, der die deutsche Gemeinde betreut hatte, und kein Nachfolger in Sicht war, wurde P. Kentenich die Weiterführung der Seelsorge an den einstigen deutschen Einwanderern anvertraut. Aus diesem seelsorgerlichen Einsatz stammen die Milwaukee-Predigten, die unter dem Titel "Aus dem Glauben leben" ab 1969 erschienen und vielen von uns vertraut sind. In ihnen erlebt man unseren Vater als Pfarrer und Prediger, der viel Liebe und Mühe darauf verwendet, Menschen Zusammenhänge des Glaubens zu erschließen und sie darin heimisch zu machen. Immer verknüpft er Leben und Glauben, Natur und Übernatur.

Noch mehr am Leben dran und noch zupackender nehmen wir unseren Vater wahr in den nun auch mehr und mehr zugänglichen Montagabendvorträgen, herausgewachsen aus den Montagabenden, die er über Jahre einem Familienkreis von Ehepaaren gewidmet hat. Vielen, besonders in unseren Schönstattfamilien sind diese Texte kostbar geworden. Sie finden darin hilfreiche Anregungen für sich und andere. Einige Ehepaare aus dem Familienwerk haben sich von unserem Vater anregen lassen, andere Ehepaare einzuladen, und wagen es, sich mit ihnen auf Montagabendgespräche einzulassen. Hier wird aus dem, was in Milwaukee als Geschenk erlebt wird, eine Sendung für uns. Es ist ganz wie bei dem Motto, das sich die Schönstatt-Bewegung drüben in Milwaukee für dieses Jahr gewählt hat: "Milwaukee 2002: Your Gift Our Mission".

"Dein Geschenk unsere Mission"

Bleiben wir noch ein wenig beim Motto des diesjährigen Jubiläums 50 Jahre nach der Ankunft des Gründers in Milwaukee. Da möchten Menschen sich dazu bekennen, dass sie die Ankunft dieses Paters aus Deutschland als Geschenk erlebt haben. Viele wussten lange Zeit nichts von den Hintergründen, von der Dramatik und Tragik, die ihn zu ihnen führte, nichts von der Gestalt des großen Gründers.

Sie erlebten einen liebenswürdigen Pater, einen Seelsorger, der Zeit hatte und zuhören konnte, einen Priester mit großer geistlicher Ausstrahlung. Ein Mitbruder aus meiner Gemeinschaft, der innerhalb eines Jahres zweimal beruflich in den USA zu tun hatte und so in den letzten Monaten gleich zweimal nach Milwaukee kam, war ganz erfüllt davon, dort unseren Vater noch einmal neu erlebt und in sich aufgenommen zu haben. Er sprach davon, dass er in Milwaukee unseren Vater sehr viel menschlicher erlebt habe. Er sei dort nicht der große Gründer und Lehrer, sondern der Vater, der Seelsorger. Irgendwie werde man vielleicht gerade durch die eher bescheidenen und schlichten Verhältnisse hineingezogen in die Atmosphäre seiner Menschlichkeit, seiner Offenheit, seiner Kunst, die Seelen zu öffnen, seines Vater-Seins. Dort begegne der Vater zum Anfassen.

Auch im Erzählen anderer Mitbrüder, die unseren Vater in Milwaukee besucht haben, ist mir aufgefallen, wie sehr sie beeindruckt waren von der tiefen Menschlichkeit unseres Vaters. In ihrem Erzählen war immer ganz viel davon zu spüren, wie sie überwältigt waren von seinem so persönlichen Interesse an ihnen bis hin zu vielen Kleinigkeiten. Manche konnten kaum fassen, dass er ihnen trotzt ihres jungen Alters so viel Vertrauen schenkte. Andere waren zutiefst davon berührt, wie tief er sie mit ihrer Lebensgeschichte in sich auf genommen und verstanden hat. Andere konnten es fast nicht begreifen, dass er vor Ihnen niederkniete, um ihren priesterlichen Segen zu erbitten.

Das Geschenk, von dem das Jubiläumsmotto in Milwaukee spricht, ist also offensichtlich nicht nur das geistige Erbe der Texte und Predigten jener Zeit. Zu diesem Geschenk gehört der ganze Vater mit seiner Ausstrahlung, mit seinem Interesse, das er zeigen konnte, mit seiner väterlichen Liebe, die um ihn spürbar und erfahrbar wurde. Ich nehme eine große Sehnsucht wahr, ja fast ein Heimweh in unserer Familie nach der Atmosphäre, die unser Vater um sich verbreiten konnte und in der Schönstatt gewachsen ist. Diese Atmosphäre hat so viel Leben geweckt. Sie hat jedem und jeder vermittelt, Du bist wichtig, Du bist gemeint und gebraucht für die große gemeinsame Sendung. In dieser Atmosphäre war es eine Freude, die Ideen und Gedanken des Vaters zu übernehmen und sich zu eigen zu machen. Dabei konnte er offensichtlich ganz viel Eigeninitiative und engagiertes Mitdenken auslösen und wachrufen. Dies werden wir brauchen, wenn wir uns dem reichen Erbe dieser Zeit im Leben unseres Vaters stellen wollen. Ich weiß von manchen, die in den nächsten Jahren sich auf den Pilgerweg nach Milwaukee machen wollen. Mögen sie viel von dieser Atmosphäre auffangen und mitbringen.

Geistlicher Ertrag der Exil-Zeit

Bei dem Versuch, den geistlichen Ertrag jener Zeit in seiner Fülle in den Blick zu bekommen und ihn zu skizzieren, werden wir wahrnehmen, dass wir erst am Anfang stehen. Mir scheint, dass viele von uns mit mir den Eindruck teilen, über diese Zeit im Leben unseres Vaters deutlich weniger präsent zu haben als über die Zeit der Gründung oder die Zeit der Gefangenschaft von Koblenz und Dachau. Wir sehen uns vermutlich eher in der Lage, den geistlichen Ertrag von Dachau zu umschreiben, als zu dieser Frage im Blick auf Milwaukee umfassend Stellung zu nehmen. Auch meine Skizze heute Abend bleibt nur ein Versuch.

Sicherlich da sind zuallererst zwei große Erbstücke, die uns bewusst sind und die unsere Familie im Großen und Ganzen freudig aufgenommen hat. Ich denke an das "neue Kindes- und Vaterbild", das in dieser Etappe der Familiengeschichte ausgereift ist und an die Strömung des "Hausheiligtums und Herzensheiligtums", die dort entstanden ist. Unser Vater hat gern davon gesprochen in den Romvorträgen und bei seinen Besuchen in verschiednen Schönstattzentren unserer Heimat. Beide Botschaften hat er mit großer Ergriffenheit gekündet als Frucht der großen Prüfungszeit der letzten vierzehn Jahre (vgl. z. B. Romvortrag vom 8. Dez 1965 und vom 22. November 1965). Beides prägt unsere Familie in ihrer Spiritualität und Praxis.

Darüber hinaus scheint es mir aber noch weitere kostbare Erbstücke zu geben, auch wenn sie vielleicht mehr einzelnen Gemeinschaften zugefallen sind und anvertraut wurden. Es wird die Zeit kommen, wo die einzelnen Gemeinschaften mehr davon sprechen, was ihnen aus dieser Zeit zugewachsen ist. Manches dürfte so kostbar sein, dass er nicht nur für sie allein gedacht ist, sondern allen leuchten soll, die im Hause des Vaters sind.

Ich denke an die Kostbarkeit des USA-Terziates von 1952 und des Milwaukee-Terziates von 1963 als Erbstücke aus dieser Zeit für unsere Patresgemeinschaft. Ich denke an das Leben und Streben bei den Frauen von Schönstatt um die Befreiung unseres Vaters, das sich mit dem Kreuz der Einheit verbindet. Seit dem Erleben des Jubiläums von Argentinien im Januar dieses Jahres steht mir vor Augen, wie stark die dortige Schwesternfamilie sich mit unserem Vater solidarisiert hat in einem gemeinschaftlichen Kindesakt und wie sie ihm die Treue gehalten haben über die schwere Zeit des Exils. Sr. Ursula, die frühere Provinzoberin in Argentinien, hat bei dem Jubiläum diese Geschichte der Verbundenheit und des Einsatzes vor der ganzen dortigen Familie erzählt. Es ist eine Geschichte, die wir mit gutem Recht neben die uns so kostbare Geschichte vom Mariengarten stellen dürfen, in dem das Mitgehen der hiesigen Providentia-Provinz unserer Schwestern bei der ersten Gefangenschaft des Vaters in der Erinnerung der Gesamtfamilie präsent ist. Das Zeugnis über diese Geschichte des inneren Mitgehens unserer Schwestern von Argentinien gehört mit zum Erbe von Milwaukee. Wer im Ernst vom Vater spricht, muss auch von den Kindern reden.

Mit dem Hinweis auf ein kleines Erbstück der Verbandspriester aus jener Zeit darf ich schließen. Unser Priesterverband verdankt dem Vater entscheidende Impulse für die notwendige Neugründung gegen Ende der Exilszeit. Damals junge Mitbrüder, zum Teil noch Studenten, waren durch Studium von Vatertexten darauf gestoßen, dass unserem Vater auch auf Seiten der Diözesanpriester die Aufgliederung in Verband, Bund und Liga vorschwebte. Um noch mehr Klarheit darüber zu bekommen, hatten sie mit ihm Kontakt aufgenommen. Bei einem dieser Besuche schenkte der Vater ein Zingulum mit dem Hinweis: "Damit der kleine Kreis sich binde".

Dieses Zingulum wird bis zum heutigen Tag verwendet, wenn sich Mitbrüder durch den Kontrakt an die Gemeinschaft der Verbandspriester binden. Als Generalrektor habe ich es viele Male den Mitbrüdern zum Kontrakt hingehalten. Wenn immer einer von uns beim Anlegen der liturgischen Gewänder sich mit dem Zingulum gürtet, erneuert er die Bindung an die Gemeinschaft und an den Vater. Und immer wieder ist dabei die Erinnerung an Jesu Wort gegenwärtig, das er seinem Petrus mit auf den Weg gab: "Ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst".

Ich habe dieses Zingulum aus Milwaukee heute Abend mitgebracht und möchte es nachher um den Fuß der Monstranz legen. Es soll uns ein Zeichen sein, dass unser Vater und Gründer ganz an Jesus gebunden war. An ihm zuerst hat der Herr sein Wort wahr gemacht: "Ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst". Weil er so unverbrüchlich an Jesus und seinen himmlischen Vater gebunden war, konnte und durfte er auch zulassen, dass andere sich an ihn gebunden haben und so lernen wollten, dem Herrn zu folgen und sich von Gott führen zu lassen. Diese Erfahrung mit unserem Vater führt uns hier zusammen und dafür danken wir in dieser Stunde.



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