Schönstatt: Begegnungen am Ursprungsort

Schuldbekenntnis und prophetische Kraft ­
Zur inneren Dynamik des Gnadenjahres

Günther M. Boll

aus: REGNUM 1 Februar 2000

Das Jubläumsjahr zur 2000-Jahr-Feier der Geburt Christi lässt mit besonderer Klarheit die charakteristischen Merkmale hervortreten, die das gesamte Pontifikat Johannes Pauls II. bestimmen. Dieser Papst hat ein ausgeprägtes Gespür für historische Ereignisse und Zusammenhänge. Von Anfang an hat er das Jahr 2000 mit seiner Symbolträchtigkeit in den Blick genommen und sein Wirken von daher mitbestimmen lassen. Sein Schreiben »Tertio millennio adveniente« von 1994 hat diese beherrschende Ausrichtung seines Pontifikates sichtbar gemacht. Ganz offensichtlich fühlt er eine besondere Berufung, die Kirche über die Schwelle des dritten Jahrtausends zu führen.

Am stärksten beachtet wurde dabei das »geistliche Triduum« der Vorbereitung, das die ganze Kirche im Durchgang durch das Christusjahr, das Heilig­Geistjahr und das Vaterjahr einstimmen sollte auf die Feier des großen Jubiläums. Erst nach und nach ist dabei eine Dimension ins Blickfeld geraten, die für den Papst zum Zentrum seiner Anliegen gehört und so etwas wie die spirituelle Tiefendimension seines Wirkens sichtbar werden lässt. Es ist der unlösbare innere Zusammenhang zwischen der Anerkennung historischer Schuld und prophetischer Zeugniskraft der Kirche.

Wer die Texte des Papstes, vor allem von »Tertio millennio adveniente« und »Incarnationis mysterium«, auf sich wirken lässt, wird unschwer erkennen, dass in seiner gläubigen Deutung der geschichtlichen Konstellation ­ des Kairos der 2000-Jahr-Feier der Geburt Christi ­ eine unglaublich starke Überzeugung von einem göttlichen Gnadenwirken mitschwingt. Es geht nicht einfach um die würdige Gedächtnisfeier eines besonders »runden« Geburtstags. Die Erwartung, die sich für den Papst an diesen Kairos knüpft, geht in die Richtung einer »Neugeburt« Christi in seiner Kirche und durch sie für die gesamte Menschheit im kommenden Jahrtausend. Es gehört sicher auch zu den Zeichen der Zeit, dass früher und schärfer als viele Christen Rudolf Augstein, der Spiegel-Herausgeber, diesen Aspekt im Wirken des Papstes begriffen und sich sofort bemüht hat, ihn in bewährter Manier ironisch-aufgeklärt abzuwehren. Es kann auch nicht anders sein. Wer in Jesus Christus prononciert nur den »Menschensohn« sieht, kann mit den Perspektiven Johannes Pauls II. nichts anfangen. Noch zu keiner Zeit hat der Unglaube begreifen können, was Gottes Pläne sind. Der Papst ist jedenfalls zutiefst überzeugt, dass nach Gottes Heilsplänen Christus auf eine gänzlich neue, den geschichtlichen Veränderungen entsprechende Weise einen prägenden Einfluss auf die Geschicke der Menschheit im kommenden Jahrtausend nehmen soll.

Man muss sich dieser Hoffnungsperspektive eines lebendigen Glaubens aussetzen, um einen zweiten, unlösbar damit verbundenen Strang wahrnehmen und in seinem Anspruch erfassen zu können. Seit langem spielt er im Wirken des Papstes eine Rolle, in der Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit blieb er eher isoliert und am Rande. Für den Papst sind die prophetische Zukunftsschau und ihre Verwirklichung verknüpft mit einer Bedingung. Er nennt sie »Reinigung des historischen Gedächtnisses der Kirche« und meint damit nichts weniger als das ehrlich-demütige Schuldbekenntnis der schuldig gewordenen Kirche. Wenn man einmal die Konturen dieser gläubigen Geschichtsdeutung des Papstes wahrgenommen hat, kann man ihre einzelnen Stränge durch sein ganzes Pontifikat hindurch verfolgen. Es ist bewegend, mit- und nachzuvollziehen, wie der Papst auf einem langen Weg über einzelne Eingeständnisse kirchlicher Schuld oder Mitschuld in bestimmten Ereignissen oder Zusammenhängen schließlich zu der Einsicht geführt wurde: »Am Ende dieses zweiten Jahrtausends muss eine Gewissenserforschung vorgenommen werden: Wo stehen wir? Wohin hat Christus uns geführt? Wo sind wir vom Evangelium abgewichen?«

Vor allem bei seinen Begegnungen mit bestimmten Menschengruppen und ganz besonders während seiner Reisen hat er wieder und wieder um Verzeihung gebeten für das Schuldig­Werden der Kirche. Um nur einige Beispiele zu nennen für solche Anlässe: die Geschichte der Päpste, die Kreuzzüge, die Inquisition, der Fall Galilei, das Verhältnis zum Judentum, die Kirchenspaltungen, die Behandlung der Frau, die Stellung zu Diktaturen, Verstrickungen in Rassismus u.v.a.(1)

In seinem Schreiben »Tertio millennio adveniente« formuliert er zusammenfassend: »Heute, wo sich das zweite christliche Jahrtausend seinem Ende zuneigt, wird sich die Kirche stärker der Schuld ihrer Söhne und Töchter bewusst, eingedenk aller jener Vorkommnisse im Lauf der Geschichte, wo diese sich vom Geist Christi und seines Evangeliums entfernt haben. Dadurch haben sie der Welt ­ statt eines an den Werten des Glaubens inspirierten Zeugnisses ­ den Anblick von Denk- und Handlungsweisen geboten, die geradezu Formen eines Anti-Zeugnisses und Skandals darstellten.« Und schließlich ganz klar und präzise in seiner Ankündigung des Großen Jubiläums: »Als Nachfolger Petri fordere ich, dass die Kirche ­ gestärkt durch die Heiligkeit, die sie von ihrem Herrn empfängt ­ in diesem Jahr der Barmherzigkeit vor Gott niederkniet und von ihm Vergebung für die Sünden ihrer Kinder aus Vergangenheit und Gegenwart erfleht« (28. November 1998). Am ersten Fastensonntag des Heiligen Jahres (12. März 2000) will der Papst in einem großen, öffentlichen Akt dieses Schuldbekenntnis im Namen der Kirche vor der ganzen Welt ablegen.

Es ist nicht leicht, die Tragweite eines solchen Schrittes auszumessen. Er dürfte in dieser Form ein einmaliges Ereignis in der Kirchengeschichte darstellen. Wohl gibt es Beispiele, die in eine ähnliche Richtung gingen. Am bewegendsten vielleicht das Bekenntnis Hadrians VI. in den Wirren der Reformationszeit durch seinen Legaten auf dem Reichstag in Nürnberg 1532: »Wir wissen wohl, dass auch bei diesem Heiligen Stuhl viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen ist: Missbräuche in geistlichen Dingen, Übertretungen der Gebote... So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat. Wir alle sind vom Wege des Rechtes abgewichen.« Auch die Worte Pauls VI. bei der Eröffnung der zweiten Session des Konzils, drei Monate nach seiner Wahl, mit denen er sich an die Vertreter der getrennten christlichen Kirchen richtet, gehören in diesen Zusammenhang: »Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.« Auf beide Vorgänger wird Johannes Paul II. des Öfteren verweisen.

Aber zwischen diesen beiden demütigen Gesten zweier Päpste liegen Jahrhunderte, in denen eine Art kirchlicher Triumphalismus das Eingeständnis von Schuld verhindert hat. Ein besonders krasses Beispiel dürfte Gregor XVI. mit seiner Enzyklika »Mirari vos« von 1832 sein: «Es wäre etwas ganz Absurdes und für die Kirche höchst Schmähliches, sich eine gewisse Erneuerung oder Regeneration vorzunehmen, so als sei diese nötig, damit die Kirche zu ihrem Heil gelange oder fortschreiten könne...«

Erst auf diesem Hintergrund werden der Mut des Papstes und die geistliche Kraft deutlich, mit der er »die Reinigung des historischen Gedächtnisses der Kirche« nicht als Ergebnis von Kommissionen der Fachgelehrten, sondern durch das demütige Anerkennen und Bekennen eigener Schuld erstrebt. Dabei ist ebenso erstaunlich der Realismus, mit dem »die Kirche« ihre Einheit und Kontinuität durch die Jahrhunderte ernst nimmt ­ welche staatliche oder gesellschaftliche Institution würde ein Schuldbekenntnis für Handlungen und Ereignisse erwägen, die vor Jahrhunderten und unter völlig verschiedenen historischen Umständen geschehen sind? Anders der Papst: »Wegen des Bandes, das uns im Mystischen Leib Christi miteinander vereint, tragen wir alle die Last der Irrtümer und der Schuld derer, die uns vorangegangen sind, auch wenn wir keine persönliche Verantwortung dafür haben« (Incarnationis mysterium).

Natürlich weiß der Papst, dass er sich auf einem solchen Weg dem Widerstreit der Reaktionen und Haltungen aussetzt, die ein solch riskantes Vorgehen unweigerlich hervorrufen muss. Die von ihm eigens zur Diskussion dieses Vorhabens einberufene Sonderversammlung der Kardinäle im Juni 1994 ließ die Spannweite der innerkirchlichen Auffassungen deutlich werden ­ nicht wenige Stimmen warnten eindrücklich davor, solche Schuldbekenntnisse der Kirche in der Öffentlichkeit abzulegen ­ sie würden ihr mehr Schaden zufügen als nutzen. Besonnene Historiker, wie Konrad Repgen in Deutschland, warnen vor einer »Rücknahme« oder dem »Widerruf« historischer Tatsachen ­ dem kann »der Historiker kaum anders als reserviert begegnen«. »Die heutige Profangeschichte ist für irgendeine Qualifikation der heilsgeschichtlichen Bedeutung einer kirchengeschichtlichen Begebenheit völlig unzuständig und ungeeignet.« ­ Karlheinz Deschner ­ bekannt durch seine »Kriminalgeschichte des Christentums« ­ fühlt sich bemüßigt, dem Papst einen »kleinen Denkzettel zum Großen Bußakt im Heiligen Jahr 2000« zu schreiben (Rororo).

Einer der immer wiederkehrenden Einwürfe gegen das Vorhaben des Papstes lautet, dass man nicht so sehr rückwärts gewandt nach eigenen Sünden in der Vergangenheit suchen, sondern sich resolut der Gegenwart und vor allem der Zukunft zuwenden solle. Spätestens an dieser Stelle muss nun aber die Besinnung auf den eigentlichen Kern der Absicht des Papstes einsetzen. Er liegt im Erfassen einer Dynamik, die durch das Auseinanderreißen der beiden Pole seines Zieles verfehlt wird: es geht letztlich gerade um den Weg der Kirche in die Zukunft, in das weit sich öffnende Feld der beginnenden Geschichte des dritten Jahrtausends. Aber gerade weil es um die geistige und geistliche Überzeugungskraft in der glaubwürdigen Verkündigung der Botschaft Jesu geht, möchte der Papst durch das demütige Sündenbekenntnis vor Gott und die ehrliche Vergebungsbitte vor allen betroffenen Menschen einen Reinigungsprozess einleiten. In seiner Sprache heißt das: »Angesichts dieses großen Jubiläums ist für die Kirche metanoia notwendig, das heißt eine klare Erkenntnis der historischen Verfehlungen ... Allein die mutige Anerkenntnis der Sünden und auch der Unterlassungen, deren Christen sich in gewisser Hinsicht schuldig gemacht haben, wie auch der großherzige Vorschlag, diese mit der Hilfe Gottes zu heilen, können der Neuevangelisierung einen wirksamen Anstoß geben und den Weg der Einheit (unter allen Christen) erleichtern« (an die Kardinäle, Juni 1994). Sein Vorgänger, Johannes Paul I., hatte es bereits knapp und präzise formuliert: »Die Kirche muss ihre prophetische Kraft wiederfinden.« Das ist der Kern. Nur von hier aus erschließt sich der Zugang.

Letztlich geht es um einen geistlichen Vorgang, der im Zentrum auch der Spiritualität Schönstatts steht: nur im kindlich-demütigen Anerkennen und Bekennen unseres Klein-Seins vor Gott wird seine väterliche Barmherzigkeit geweckt; und nur durch die Kraft seiner immer neuen Vergebung wächst in uns die geistliche Kraft zum Zeugnis. Das »Nichts ohne uns« aller menschlichen Anstrengung lebt zutiefst vom »Nichts ohne Dich« der Gnade Gottes. Als geschöpfliche Werkzeuge in der Hand des Herrn der Geschichte dürfen wir dieses allerletzte Grundprinzip apostolischer Fruchtbarkeit im Gestrüpp von Politik, Diplomatie, Organisation und Kommunikation nie aus dem Auge verlieren. Darum geht es dem Papst ­ und dafür sollten wir ihm dankbar sein.

Was könnte dieser dringliche Aufruf des Papstes für uns als Schönstattfamilie bedeuten? Wie können wir uns im Geiste unseres Gründers in diesen geistlichen Vorgang einschalten?
Für Pater Kentenich war das Aushalten des Spannungszustandes charakteristisch, den es in jeder religiösen Gemeinschaft gibt: zwischen dem dankbaren und frohen Bekennen von Gottes Gnadenwirken unter uns und dem demütigen Anerkennen unserer Schwächen und Armseligkeiten; zwischen einem ungebrochenen Sendungsglauben bei allem ehrlichen Realismus in der Einschätzung des schon ­ und noch nicht ­ Erreichten. Vielleicht kann das Formulieren einiger Fragen unsere Gewissenserforschung inspirieren.

  • Am Anfang kann nur die ehrliche Selbstprüfung jedes Einzelnen stehen: wie habe ich die Ur-Bitte der Gottesmutter aus der Gründungsstunde in meinem Leben erfüllt ­ das Streben nach höchstmöglicher Heiligkeit im Alltag? Ein ehrliches »mea culpa« als schmerzliches Bekenntnis wird die Antwort sein.
  • Ein zweiter Ansatz: Haben wir genug geglaubt? Der Gott der Geschichte hat in Schönstatt eine neue Initiative ergriffen, um durch die Wirksamkeit der Gottesmutter von ihrem Heiligtum aus der Kirche in unserer Zeitenwende zu Hilfe zu kommen. War unser Glaube an dieses »Geheimnis« Schönstatts lebendig genug, hat er uns zu wagemutigen Initiativen inspiriert, hat er den menschlichen, allzu menschlichen Belastungen des Alltags standgehalten?
  • Eine dritte Fragerichtung zielt noch deutlicher auf unsere Sendung: Haben wir die Botschaft Schönstatts überzeugt und überzeugend genug gelebt und gekündet? Ganz konkret wird das im Blick auf das föderative Miteinander aller Gliedgemeinschaften unseres Werkes. In einer auch leidvollen Geschichte haben wir eingesehen, dass in diesem Spannungsfeld sowohl Segen wie Unfruchtbarkeit angelegt sind. Bohrende Fragen könnten sein: Haben wir ­ dieses »wir« meint jetzt jede einzelne Gliedgemeinschaft ­ die Balance gehalten zwischen berechtigtem Stolz über die eigene Originalität und Sendung einerseits und der Freude am Anderssein des (und der) anderen? Haben wir im Ringen um die rechte Deutung der Auffassungen und Absichten des Gründers die notwendige Bereitschaft zum echten Hinhören und die geistige Weite zum Stehen-lassen-Können anderer berechtigter Standpunkte gehabt? Ist es uns gelungen, im Streben nach Treue zum Gründer immer genügend zu unterscheiden zwischen konkreten Formen und dem Geist, der sie inspirieren sollte? Haben wir in jeder Phase die notwendigen Schritte auf den (und die) anderen hin getan, um entstandene Spannungen zu überbrücken? Das wird jeweils dringender zu fragen sein, je höher der Grad der Verantwortung in der eigenen Gemeinschaft und damit gleichzeitig auch für das ganze Werk ist.
  • Ein letztes Feld für eine ehrliche Gewissenserforschung vor dem Gründer: unser Verhältnis als Schönstattbewegung zu den einzelnen Ortskirchen, den Bewegungen und religiösen Gemeinschaften in der Kirche.
    Haben wir das freudige Leben aus der eigenen, gottgeschenkten Identität immer verbunden mit der liebenden Ehrfurcht vor den anderen Charismen mit ihrer Originalität? Haben wir ­ bei allem Leiden unter den Menschlichkeiten der einzelnen Vertreter ­ doch immer die gläubige Ehrfurcht vor den Amtsträgern der Kirche im Sprechen und Handeln bewahrt? Haben wir die nötige Offenheit für wichtige Lebensvorgänge in der Kirche gehabt und sie in das eigene Strömungsleben integriert? Haben wir neben der notwendigen Pflege des Eigenlebens auch das Miteinander mit den anderen Aufbrüchen des Geistes gesucht?

Das könnten einige Anstöße zur innerschönstättischen Gewissenserforschung sein. Nur wenn alle Lebenszellen im Organismus einschwingen auf den Grundakkord der demütigen Anerkennung vielfältigen Versagens, dürfen wir hoffen, dass eine geistlich erneuerte Kirche ihre prophetische Kraft zur Gestaltung einer christlich geprägten Zukunft gewinnt.

 

(1) Einschlägige Äußerungen in: Luici Accattoli, Wenn der Papst um Vergebung bittet - Alle "Mea Culpa" von Papst Johannes Paul II. - Tyrolia (Innsbruck) 1999, 220 S., 36.80 DM)





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